Logic: XXV.37




Source: Nachl. Johann Gottfried Herder XXV.37 (8°, 4 pp., Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz)


A single folded sheet, 4 pp. (10.25 x 15.5 cm), ribbed paper with indiscernible watermark. Covered completely in text (pencil). The two outer sides are badly worn. Sheets numbered. Menzer’s group copied out most of the Herder notes on metaphysics and physical geography that were available to them, but included in this was a single sheet (125r and 125v) of notes on logic, consisting of the text on XXV.37 (p. 1 – except for the very last line of text).

Previous transcriptions: Irmscher [1964, 43-7] and AA 24: 3-6.


[XXV.37(1r)] ms 1



[Einleitung in die Vernunftlehre, §§1-9]

/ Alles geschieht nach Regeln, Stein, Waßer bewegt ˚sich so

˚Der Mensch in s.einem mechan:ischen Handlungen. – ˚Die Handlungen des Verstandes ˚sind gew.isse Phänomene

an ˚der Natur. – ˚Der Mensch [a] folgt dies.en Regeln entweder unbewust, blos

˚.aus Gewohnh.eit ohne Bewustseyn [b] so ists ˚.auch ˚mit ˚den ˚Ausübungen

@des@ Verstandes, ˚.auch oft ohne Regeln, bewustsein ˚durch Erfah.rung ist sehr achtungswürdig

Da aber ˚nicht alles ˚durch Erfahrung ‹erkannt› s.ein kann: so ˚wird ˚.ein höh.erer Gebr.auch erfodert

selbst in Bewegungen ˚Exempel Tanzen: da[c] mußten ˚die Regeln angewandt ˚werden

[d] im gelehrten Erkennen. ˚Das ist ˚die logica λογοσ ratio instrumentum[1] ˚sind gleichsam

˚das Modell ˚die log.ischen Regeln. §.2)[2] ˚Eine Logik soll vor Menschen geschrieben s.ein

˚Die Menschen müßen also ˚die log.ischen Regeln erkennen ˚und befolgen können: folgl.ich muß ˚der Logiker

die menschliche Seele kennen, ˚der da schreibt, ˚.auch ˚die müssen s.ie kennen, ˚die s.ie lehren.

˚nicht ohne Psychol.ogie

/ §.3)[3] Gelehrter Form ist ˚von andern unterschieden. Gelehrs.amkeit ist blos in höherm Grad

gesunde Vernunft. Gelehrte ˚.von Profeßion ˚sind ˚von @Gewerbe@. Es kann Gelehrte geben

ohne Profeß.ion so ˚wie es Gel.ehrte ˚.von Prof.eßion ohne Gelehr.samkeit ˚sind.

/ Historie.[4]

/ Griechen: Freiheit, Ehre, Gesundheit, Reichtum.

/ 7 Weise[5] ˚den ˚.ein gutes Wort entfuhr: Solon, ˚.ein guter Legislat.or. Thales

war gereist ˚und gelehrt. Pythagoras war ˚auch gereist, stiftete [e]

die Ital.ische Secte; foderte ˚einen unterthän.igen Verstand ˚durch Stillschweigen ˚und @Verborgenheit@

verdarb, er [f] entdeckte ˚seine wenigen Weish.eits Lehren in @emblematischen@ ˚.Ausdrücken.

@erhielt@. Demokrit ˚der 1ste Naturalphilos:oph @System@ wild, ˚die Schöpfung

erklärt er ˚durch ˚eine mechanische Bewegung, ˚und ˚durch Zufall.[g] Leucipp ˚.und

/ Demokrit von Abdera, ˚seine

/ Epik.ur trieb ˚die Sittl.ichkeit bis ˚.auf ˚den höchsten Grad, ˚das Vergnügen ‹˚der Seele› so hoch, ˚daß

˚man so gar im grösten Leiden Süßigk.eit findet, ˚weil Tugend @es@

@überwindet@. Princ.ipium ˚die Summe des Glücks ist ˚die Summe des Vergnügens

˚und ˚die Tugend befördert es. ˚Aus Sokrates[h] entstand ˚die Cyniker. Da ˚die Autorität

˚und das Ans@tändige@ ˚viel Zwang ˚hat etc. so glaubten s.ie ˚man müsse ˚das abschaffen.

Princ.ipium [i] ˚das Lust ist schädlich waz allen zu thun erlaubt ist, kann ˚.man

in ˚der grosten Gesellsch.aft thun

/ Pyrrho, an ˚sich ˚.ein verdienstvoller Mann, stiftete ˚eine Sekte, ˚einen


[XXV.37(1v)] ms 2



andern Weg zu gehen, alles niederzureissen. Pyrrho: ˚daß ˚die allgem.einen

Dogmata (˚ausgenommen ˚die Mathematik) ungewiß wären. ˚Die Nachfolger gingen weiter

Sokrat.es scheint etwaz Pyrrhoniker gewes.en zu s.ein ˚und war nicht ein. Das gewiße

waz glückl.ich macht, müsse angenommen ˚werden. War Praktischer Philosoph.[1]

/ Plato vener:ierte ˚den Socrat:es. Sehr dunkel: Akadem.ische Sekte: nobl.en ‹Weish:eit

Aristot:eles ˚wurde ˚.von Plat.on ˚der Undankb.arkeit beschuldigt: ˚.ein Gen.ie ˚.von oberstem

Rang: weitläuf.ige[a] ˚Aussichten, Nat.urgeschichte: Politik Rhetor:ik gut,

˚aber Logik, Metaphysik ˚den grosten Schaden: Peripatetiker

/ Zeno Eleates: ˚Die stoischen [Philosophen trieben] ˚nicht Spek.ulation ˚sind praktische Weltw.eise, übertrieben

˚die Tugend: ˚.man müsse ˚die Tugend um ihres Werths willen, ˚nicht um

˚der guten Folgen willen lieben, schädl.iches Exempel Brut.us – ˚viele große Leute.

Römer alles ˚.von Griechen: da Freih.eit ˚.mit Knechtschaft schon ‹conflictierte[b] da [entstanden]

Die Wissenschaften, vorher blos Patrioten, wehreten sie ˚sich gegen ˚die Wissenschaften ˚wie

Cato Censor gegen Arzte. Darnach ˚die griechischen Sekten – bis

˚die Wanderungen ˚der Völker alles übern Haufen warfen – bis Averroes ˚und Av~

icenna. – Alle Künste stehen im Bande: – Reform ist seit

dem mittleren des 17 Jahrh.underts sehr merklichDescartes[c] war ins.ondernheit bekannt ¿¿ ˚seine

Methode ist sehr gut. – Er ist ˚.ein Muster im selbst denken (˚wenn

wir selbst dächten wären @methodische@ Philosophen) Doch nach ihm war wider

alles Cartes.ianismus, dasselbe Verderben des Ansehns! ˚Daß s.ie bis 1728

den Newt.on ˚nicht annahmen.[2] Leibn.iz breitet ˚sich aber sehr ˚aus. – ˚Die Metaph.ysik

verbeßerte er ˚durch s.eine Methode – Nach ihm war alles Leibnizianismus. (˚Die

Catholik.en aber lieben Schol.astiken ˚die Subtil.itäten zu erkl.ären) Wolf war Ali

gegen Mohammed[d][3]Crus.ius geht ganz in ˚der Methode ab

Überhaupt, ˚.kein Philos.oph kann ˚.ein Wolfianer etc. [sein] ˚weil er selbst denken soll.

Wolf, Crus.ius müßen alles def.inieren, demonstrieren etc. U.nd da s.ie Exempel solcher

Irrthümer vor ˚sich hatten, doch behaupteten [Text breaks off.]


[XXV.37(2r)] ms 3



/ Wir ˚werden ˚das gute nehmen, @woher@ es k@omt@ – ˚den edlen Stolz selbst zu denken

selbst uns.ere Fehler zuerst entdeken

/ Logische Historie: Alle Logiken haben Schaden gethan ‹Kästner›,[1] denn ˚.man selbst

bei Logiken ˚eine Logik haben mußen.

/ Aristot.eles, ˚der selbst solche elende Ph:ilosophie ˚aufbrachte, konte ˚.von Regeln

schreiben. Scholast:ische Logik zu studiren ist Folter. Malebranche[a]

Logik ˚durch ˚die Phys.ik.[2] Tschirnhausen ˚.aus ˚der Mathem.atik abstrahierte ˚die Regeln[3]

Locke ist wirkl.ich Metaph.ysiker. – Regeln ˚.aus ˚der gem.einen Erk.enntnis zu abstr.ahieren

ist für ˚die Log.ik – ˚.aus ˚der gelehrten Erk.enntnis gehört nach ˚der Philosophie

§. 6.[4] Wahrsch.einlichkeit dialectica ist schwerer, ˚weil Wahrscheinlichkeit

[Der erste Abschnitt,
von der gelehrten Erkentniß überhaupt, §§10-40
(Ihre Vollkommenheiten, §§22-37)]

/ 30.[5] Praktisch .˚auf ˚die Direkt.ion des Willens [gerichtet] bisher

/ Es ist ˚eine hauptvollkommene Erkenntnis. Diese Vollk.ommenheit aber ˚nicht in ˚die Log.ik ˚sondern

Moral – Thelematol.ogie des Crus.ius[b][6] 32.[7] ˚.von ˚der Vernunft gegen die Ästhetik

log.ische Vollk.ommenheit [gefordert] Da wir uns.ere Nat.ur nach ˚nicht reine Geister ˚sind – da –

˚der überhalbe Theil der Erk.enntnis verworren ist: so ‹˚sind ¿¿¿ re¿¿ ¿¿¿ / sehr velochten ist› muß ˚.man ˚sich ˚auch der

verworrenen d. i. schönen bedienen. Als bloße Geister blos Deutl.lich in

Begriffen, Gründlich in Schlüßen, Weitl.äufig ˚und Prakt.isch, ˚keine Schönh:eit

wir fodern also bey ˚der gesamten Erkenntnis ˚.auch Schönheiten (˚nicht ˚zwar

bei jeder z.E. ˚der im höhern Grad deutlichen Erkenntnisse) sonst machen s.ie

Eckel. Doch eher muß ˚.man Wahrh.eit als Schönh.eit suchen: ˚.Exempel Tugend

als Politeße, erst Dauerh.aftigkeit in Gebäu˚den 2) ˚Das Schöne dient

oft mehr dem Praktischen als ˚die Logik [c]– Leidenschaften @werden@ blos ˚durch Leidenschaften bestritten – Zwischen Schönh.eit ˚und

log.ischer Deutl.ichkeit ist ˚.ein verschieden.er Gesichtspunkt, also ˚keine Vergleich

welches beßer ist – ˚Ein Mann, mit Frau 36.[8] imperfectio: 1) contradictor:ie dicta: des Mangels Unwissenheit

/                 2) contrarie ⁅dicta⁆ ˚der Beraubung, Irrthum

jene ist logisch: A et non A

diese ⁅ist⁆ real:[9] A et B


[XXV.37(2v)] ms 4



/ 37.[1] Bey jeder Vergleichung muß ich ˚die Sachen in gleiche Umstände setzen. –

/ Vergleichung des Histor.ischen ˚und Philos.ophischen Erkenntnisses. Histor.ische [Erkenntnis] muß ˚der Philos.ophischen data geben

[(die Vergleichung der gelehrten Erkentniß mit der gemeinen, §§38-40)]

/ 38.[2] 1) ˚weil ˚die deutliche Erk.entnis ˚die Verwirrung verhütet 2) ˚das Erkenntnis allgemeiner macht

3) ˚weil es bes.onderes Vergnügen macht

/ Sectio II.
[von der Weitläuftigkeit der gelehrten Erkenntiß, §§41-65
(Die Armseligkeit der gelehrten Erkentnis, §§41-43)]

/ Es ist ˚.ein Grundtrieb ˚der Menschlichen Seele ˚das Feld ˚der Ideen zu erweitern (Sulzer

sucht es z.um 1sten Grundtrieb zu machen)[3] Dies ist ˚von ˚den übrigen Arten ˚der Erkenntnis ˚zu

unterschieden. @Es@ ist ˚keine formale ˚sondern materiale.[4] ˚Das formale ˚der Erkenntnis be~

ruht sehr auf ˚den materialen. – Mit desto weniger kan ˚einer ˚nichts @machen@

˚.und also f@ehlen@ @ihm@ ˚.große Unterscheidungsgründe; – [a] ˚.Man muß also

ceteris paribus ˚.auch nach ˚der Weitläufigkeit ˚zu streben. 41.[5] ˚Das Gegentheil ist

˚eine partiale Unwißenheit totale Unwißenheit ist selbst ˚der historischen Erkenntnis Mangel

(˚Die histor.ische Erkenntnis ist ˚die unterste: daher ˚.man s.ie Kindern beibringt) ¿ ¿¿

/ [b] §.42.[6] 2) ˚.Ein Kepler erk.annte ˚das Ges.etz historisch, Newton philosophisch

/ 43[7] 1) aut historisch. ˚.Exempel Alten ˚.wenn ˚den Sonnenflecken ohne Tubus,[c] ¿ aut

philosophisch: wir [d] @ermangeln@ @˚der/˜Gott@ Philosophischen Erk.enntnis ˚von ˜Sonnenflecken des @Poles@, ˚weil @wir@

˚nicht der ˜Sonne so nah ˚sind ˚und ˚die 1sten Grundbildung ˚und Triebfeder ˚der Natur ˚durch

schauen 2) ˚.Exempel Kleinigkeiten

[(Die Weitläuftigkeit der gelehrten Erkentniß:
(a) Wie weit sie sich nicht erstrecken muß, §§44-47)]

§. 44.[8] ˚Der Aut.or betrachtet ˚die Logik ˚aus

˚den Punkt ˚der Pflicht – Er hält ˚die Mittel gegen ˚den Zweck – Horizont

˚der gemeinen ˚.und gelehrten Erkenntnis. 45.[9] nothwend.ig physisch um des Grads

˚seiner Kräfte willen: ˚nicht moralisch. ˚.Exempel ˚Die Zukunft zu wißen ist ˚.auch über

˚den Horizont ˚der histororischen Erkenntnis. ˚Die 1ste Bewegung des Horizonts ist über die Philosophische

Erkenntnis. Regeln: ˚Viele @seiende@ Dinge ˚sind über ˚den Horizont ˚der historischen Erkenntnis er~

höht – 1)[e] wegen ˚der Schwäche des Gedächtnisses 2) ˚weil ˚die Dinge nie zu

uns kommen ˚.Exempel ˚die Sterne. (II)[10] Noch mehr Dinge ˚sind über ˚die philosophische Erkenntnis

erhöht. ˚Der ˚seine Unwißenh.eit hierin gesteht, ist ˚nicht deßwegen @unwißend@

˚Das Gegentheil Marktschreier. III[f]So ˚.wie wir vieles entdeckt haben, was

über ˚den Horizont ˚der Alten war, so ist manches uns (Kindern) übern

Horizont, waz künft.iger (Mannern) Nachwelt ˚nicht ˚sein ˚wird. IV. waz

übern uns.ern Horizont ist, ist ˚nicht gleich übern Horizont ˚der anderen Verstandes Fähigkeiten

gelegt: V ˚nicht ohne ˚ein Noth etwas über ˚den Horizont setzen, um ˚die @Fähigkeiten@

@nicht zu unterdrücken@.


Explanatory Notes
[XXV.37]

ms 1


[1] [Instrumentum] An early reflection (#1569) in Kant’s copy of the Meier textbook makes a related point:

Denominatio. Logica, Philosophia rationalis, Vernunftlehre sind identisch in ihrer Wortbedeutung. Philosophia instrumentalis heißt sie darum, weil sie gleichsam das instrument ist, andere Wißenschaften zu tractiren; so wie ein Lineal ein instrument ist, gerade linien zu ziehen, und ein trasporeur ein instrument, Winkel von behöriger Größe zu machen: so ist der Vorrath und Inbegriff dieser Regeln das instrument, begriffe und schlüße richtig zu formiren und zu prüfen.” (AA 16: 7)

[2] [§. 2] Meier, Auszug, §2:

“Damit die Vernunftlehre keine ganz willkürlichen, gekünstelten und unnatürlichen Gesetze enthalte, so müssen die Regeln derselben hergeleitet werden, 1) aus den Erfahrungen von den Würkungen der menschlichen Vernunft, 2) aus der Natur der menschlichen Vernunft, 3) aus den allgemeinen Grundwahrheiten, auf welchen die gesammte menschliche Erkenntniss beruhet.”

[3] [§. 3] Meier, Auszug, §3:

“Die Absicht der Vernunftlehre ist entweder die Vollkommenheit einer gelehrten Erkenntniss und eines gelehrten Vortrages, welche sich bloss für Gelehrte von Profession schicken, oder welche auch andern Gelehrten anständig und brauchbar sind.”

[4] [Historie] Kant usually gave a brief history at the beginning of each set of lectures. A brief history of metaphysics appears in Herder’s metaphysics notes at Prol-1. Refl. #1635 (AA 16: 56-58) is dated by Adickes to 1755-60 and is written in Kant’s copy of the Meier logic text. This appears to be a synopsis of Gentzken’s history – see Feldmann (1936, 178), Longo (2011, 449), and Micheli (2015, 704-5) – and also roughly conforms to the outline in Herder’s notes as well.

The historical overview in the Blomberg logic notes from the early 1770’s is based on Gentzken, but also draws from Brucker (1742-44) and Formey (1763), which it cites twice (AA 24: 31-37, 207-18). See also the lengthy history in the Philippi logic notes (AA 24: 323-35). Other histories in the logic notes are found in Jäsche (AA 9: 20-21, 27-33), Pölitz (AA 24: 509; 28: 535-40), Vienna (AA 24: 796-804), Warsaw (Pinder 1988, 515-18, 524-30), Heschel (Pinder 1988, 295-303), Busolt (AA 24: 613), Dohna (AA 24: 698-99).

[5] [7 Weise] The “Seven Sages of Greece” was a traditional list of philosophers and statesmen of the 6th century BCE: Thales of Miletus, Pittacus of Mytilene, Bias of Priene, Solon of Athens, Chilon of Sparta – and the last two on the list vary among these four: Cleobulus of Lindos, Periander of Corinth, Myson of Chenae, and Anacharsis the Scythian.

ms 2


[1] [Sokrates ... Praktischer Philosoph] This is emphasized in Formey’s Kurzgefassete Historie der Philosophie (1763, 110):

“Dieser grosse Philosoph fand die Wissenschaften in eitele Spitzfindigkeiten verwandelt, die ihnen Verachtung und Verfall zuzogen. Die Liebe zu Wollüsten und Ergötzlichkeiten hatte die Oberhand gewonnen, und der Grieche keine andere Absicht als diese. So wie die Philosophie damahls beschaffen war, konnte sie zur Erleuchtung des Verstandes nichts, und noch weniger zur Besserung des Willens thun; das sah Socrates. Deswegen ließ er die Naturkunde gans fahren, wandte sich auf die Seite der Sittenlehre, und arbeitete an der Besserung der Sitten.”

[2] [Newton nicht annahmen] The significance of 1728 is unclear. The English edition of Newton’s Principia was first published in that year, as was Fontenelle’s The Life of Sir Isaac Newton.

[3] [Wolf war Ali gegen Mohammed] Ali ibn Abu Talib (601-661 CE) was a cousin and son-in-law to Mohammed and ruled as the fourth caliph (656-661); the Shia Muslims viewed him as the proper successor to Mohammed – and this is presumably how we are to understand Wolff’s corresponding relationship to Leibniz.

ms 3


[1] [Kästner] This might refer to a sentiment found in the preface to Kästner’s Anfangsgründe der Arithmetik (1758):

“Ich wollte also, daß die Lehrer der Logik, die von der Conversion so viel Regeln geben, uns an diesem Exempel den Nutzen ihrer hochgepriesenen Kunst zeigten; Sie würden mir und vielleicht einigen andern Leuten dadurch den Wahn benehmen, als seyen diese Regeln, wie der grösste Theil ihrer übri- / gen Weisheit, vollig unbrauchbar, weil man dadurch nichts findet, das nicht ein natürlicher Verstand, den die Geometrie geübt hat, ohne sie heraus brächte.” [excerpt]

[2] [Logik durch die Physik] ¿¿

[3] [Tschirnhausen … abstrahierte die Regeln] A related claim is found in a Refl. #1670 (AA 16: 72), written in Kant’s copy of Meier in the late 1750s:

“§7. Bey allen Wissenschaften muß der theoretische Theil dem Praktischen vorhergehen. Man muß vorher wißen, wie man reden soll, ehe man redet; man muß richtig denken lernen, ehe man mit vergeblichem Dencken sich occupiren soll. In der Mathematik allein kan die ausübende Logick der lehrenden voraus gehen. Denn da hat man einen sichern Leitfaden des Nachdenkens: unsere Sinne oder deren Vicaria, die imaginatio, kan uns die Fehler der Denkungsart leicht überführen. Wir könen hernach davon eine Logick abstrahren, sowie tschirnhausen.”

[4] [§. 6] Meier, Auszug, §6:

“Die Vernunftlehre handelt entweder von einer völlig gewissen gelehrten Erkenntniss und dem Vortrage derselben, oder von der wahrscheinlichen gelehrten Erkenntniss und dem Vortrage derselben §1. Jene ist die Vernunftlehre der ganz gewissen gelehrten Erkenntniss (analytica), und diese die Vernunttlehre der wahrscheinlichen gelehrten Erkenntniss (dialectica, logica probabilium). Wir handeln die erste Vernunftlehre ab.”

[5] [30] Meier, Auszug, §30:

“Eine gelehrte Erkenntniss ist praktisch, in so ferne sie zu der Einrichtung unserer freien Handlungen das ihrige beiträgt (cognitio erudita practica), und darin besteht die sechste Vollkommenheit derselben §22.”

[6] [Thelematologie des Crusius] Thelematology is the doctrine of the will. Crusius’s ethics textbook – Anweisung vernünftig zu leben Leipzig 1744; 886 pp.) – consists of five parts: Thelematologie, Ethik, Moraltheologie, Recht der Natur, and Klugheitslehre. The first is titled: “Die Thelematologie oder Lehre von den Kräften und Eigenschaften des menschlichen Willens.”

[7] [32] Meier, Auszug, §32:

“Wer demnach die allervollkommenste gelehrte Erkenntniss erlangen will, der muss nicht mit einer bloss gelehrten Erkenntniss zufrieden sein §24. 31. Sondern ob gleich nicht alle seine gelehrten Vorstellungen zu gleicher Zeit schön sein können, so muss doch seine gelehrte Erkenntniss, im Ganzen betrachtet, zugleich eine schöne Erkenntniss sein, wenn sie anders in einem so hohen Grade verbessert werden soll, als möglich ist.”

[8] [36] Meier, Auszug, §36:

“Die Unvollkommenheiten der gelehrten Erkenntniss sind entweder Mängel oder Fehler. Ein Mangel der gelehrten Erkenntniss (defectus cognitionis eruditae) entsteht daher, wenn gewisse Regeln ihrer Vollkommenheit nicht beobachtet und auch nicht übertreten werden. Z.E. wenn ein Hauptbegriff gar nicht erklärt wird, so werden, die Regeln der Erklärungen weder beobachtet noch übertreten. Ein Fehler der gelehrten Erkenntniss (vitium cognitionis eruditae) entsteht daher, wenn die Regeln ihrer Vollkommenheit übertreten werden. Z.E. wenn man einen Begriff falsch erklärt. Ob man gleich alle Mängel und Fehler vermeiden muss, so muss man sich doch mehr vor den letztern hüten, weil man sagen kann, dass ein jeder Fehler mit einem Mangel verknüpft ist, und ein Fehler ist demnach eine grössere Unvollkommenheit als ein blosser Mangel.”

[9] [logisch ... real] This appears to make use of the distinction Meier draws in §36 between two kinds of imperfection in knowing: deficiency (neither observing a rule nor violating it) and error (violating the rule), where Kant views the former as logical and the latter as real.

ms 4


[1] [37] Meier, Auszug, §37:

“Die gemeine und historische Erkenntniss kann viel vollkommener sein, als die bloss gelehrte, wenn sie nämlich sehr schön ist §22. 23. Z.E. ein ungelehrter General und Minister kann eine viel vollkommenere Erkenntniss besitzen, als ein gelehrter und pedantischer Bücherwurm. Dieser Vorzug kommt der gemeinen Erkenntniss nur zufälliger Weise”

[2] [38] Meier, Auszug, §38:

“Die gelehrte Erkenntniss ist allemal nothwendiger Weise vollkommener als die gemeine, wenn sie in den übrigen Stücken einander gleich sind §18. 21.”

[3] [Sulzer … Grundtrieb zu machen] Johann Georg Sulzer (1720-1779) was a Swiss mathematician and director of the philosophical section of the Berlin Academy of Sciences, best known for his four-volume Allgemeine Theorie der schönen Künste (1771–74). Kant is likely referring here to Sulzer’s Theorie der angenehmen und unangenehmen Empfindungen (1762) that first appeared as a set of Academy essays from 1751 and 1752. In the first essay or section, he writes (1762, 10-11):

“Denn da die Seele eine wirksame [11] Substanz ist, (welches niemand läugnen kann,) so muß ihr eine gewisse Art der Wirksamkeit oder der Kraft natürlich seyn. Diese natürliche Wirksamkeit der Seele besteht gewiß darinn, Ideen hervor zu bringen, oder auch sie zu empfangen, und mit einander zu vergleichen; das heißt, zu denken.

Ich will hier nicht wiederholen, was unsere neuere Philosophen nach dem berühmten Herrn von Wolf gründlich dargethan haben, um zu beweisen, daß die natürliche Wirksamkeit der Seele, oder, wie sie es nennen, ihre wesentliche Kraft darinn bestehe, Ideen hervor zu bringen. […] Ich will hier nur anmerken, daß, da die Seele niemals die Gegenstände selbst, sondern nur die Ideen, welche sie sich davon macht, genießt, sie auch nur Ideen begehren kann; und folglich ihre wesentliche Wirksamkeit nur in Hervorbringung von Ideen bestehen kann, weil sonst nichts als diese in der Seele vorhanden ist.” [excerpt]

[4] [formale sondern materiale] Next to an earlier paragraph in Meier, Kant wrote:

“Gelehrsamkeit ist materialiter oder formaliter von dem gemeinen erkenntnisse unterschieden. Im ersten Verstande ist es eine [112] historische, im zweyten eine rationale Gelerhsamkeit; die letzere ist entweder Mathematik oder philosophisch.” (Refl. #1778, AA 16: 111-12)

[5] [41] Meier, Auszug, §41:

“Die Unvollkommenheit der gelehrten Erkenntniss, welche der Weitläuftigkeit derselben entgegengesetzt ist §25, ist die Armseligkeit der gelehrten Erkenntniss (angustia eruditae cognitionis), und es entsteht dieselbe allemal aus der Unwissenheit (ignorantia) oder aus dem gänzlichen Mangel der Erkenntniss der Dinge und ihrer Gründe. In dem Maasse, als die Weitläuftigkeit der gelehrten Erkenntniss eines Menschen zunimmt, nimmt seine Unwissenheit ab, und je grösser die Unwissenheit eines Menschen ist, desto armseliger ist seine gelehrte Erkenntniss.”

[6] [42] Meier, Auszug, §42:

“Der Weitläuftigkeit der gelehrten Erkenntniss ist eine doppelte Unwissenheit entgegengesetzt: 1) eine gänzliche Unwissenheit (ignorantia totalis), wenn wir nicht einmal eine historische Erkenntniss von einer Sache haben; und 2) eine Unwissenheit der Gründe der Dinge (ignorantia rationum), bei welcher eine vortreffliche historische Erkenntniss derselben noch statt finden kann.”

[7] [43] Meier, Auszug, §43:

“Die Unwissenheit eines Menschen ist (1) eine schlechterdings nothwendige und unvermeidliche Unwissenheit (ignorantia absolute necessaria et invincibilis), welche er um der Schranken seiner Erkenntniskraft willen nicht vermeiden kann; und (2) eine freiwillige (ignorantia arbitraria et vincibilis), deren entgegengesetzte Erkenntniss er erlangen könnte, wenn er wollte.”

[8] [§. 44] Meier, Auszug, §44:

“Der Inbegriff aller derjenigen Dinge, welche ein Mensch, ohne Nachtheil seiner übrigen gesammten Vollkommenheit, auf eine gelehrte Art erkennen kann, ist der Horizont, oder der Gesichtskreis seiner gelehrten Erkenntniss (horizon seu sphaera cognitionis eruditae). Es werden also von demselben alle Dinge ausgeschlossen, in deren Absicht ein Mensch nothwendiger oder freiwilliger Weise unwissend bleiben muss §43.”

Refl. #1960 (AA 16: 173) and dated to 1755-56 appears next to this paragraph:

“Die Grentzen des gelehrten Erkenntnißes, die entweder durch die Beschaffenheit des objects und die Beziehung deßelben auf uns oder durch unsere Pflichten bestimmt werden.”

[9] [45] Meier, Auszug, §45:

Eine Sache ist über den Horizont der menschlichen gelehrten Erkenntniss erhöhet (res supra horizontem eruditae cognitionis humanae posita), wenn die Unwissenheit derselben in einem Menschen schlechterdings nothwendig ist, ob sie gleich einer gelehrten Erkenntniss nicht unwürdig ist. Der menschliche Verstand ist zu schwach, als dass er diese wichtigen Sachen sollte gelehrt zu erkennen im Stande sein. Ob man nun gleich solche Sachen nicht verachten muss, die über unsern Horizont gehen, und ob man gleich ohne hinreichenden Grund nichts für eine Sache ausgeben muss, die über den Horizont unserer Erkenntniss erhöhet ist; so muss man doch das vergebliche und schädliche Bestreben nach einer gelehrten Erkenntniss solcher Sachen, die über unsern Horizont gehen, aufs möglichste zu vermeiden suchen.”

[10] [II] The numbering sequence is possibly confused, and the manuscript is itself ambiguous. Kant is distinguishing the horizon of historical cognition and philosophical cognition and the rules governing each. He wrote several reflections on the horizon or limits of human cognition during the mid-1750’s, including a short list of rules in #1962 (AA 16: 174):

“Unrichtigkeit des Ausdrucks ‘über den Horizont’

2. Regel: wir müssen nichts ohne Grund über den Horizont setzen. e.g. es sey unmoglich, die Art der Zeugung der Menschen und thiere einzusehen.

1. Regel: wir müssen glauben, daß vieles über unsern Horizont erhaben sey. Thorheit der Freygeister. Daß das Menschliche Erkenntniß nicht mit allen moglichen objecten zusammenhange. Vergleichung mit jemandem, der tabulas logarithmorum oder ein Buch vom puren calculo algebraico unter den Hottentotten sendete.

3. Regel: Was über meinen Horizont, ist darum nicht über den Horizont anderer. Zu Beugung der Eitelkeit.

e.g. die Berge im Monde auszumeßen.

Das Ding begreif ich nicht: es ist unmöglich."

Textual Notes
[XXV.37]

[Here is a mark-up key for the transcription.]

ms 1


[a] A 'b¿¿rnt' is crossed out.

[b] An '= ˚viele ˚hat in ¿¿ ¿¿¿¿' is crossed out.

[c] 'daher' is written with the 'er' crossed out.

[d] A '@diese/doch ˚ein@' is crossed out.

[e] One or two words are crossed out.

[f] An '˚und' appears to be crossed out.

[g] 'Zufall' could be crossed out; the text here is ambiguous.

[h] Reading '¿¿¿' as 'Sokrates'.

[i] A 'waz' appears to be crossed out here.

ms 2


[a] Reading 'weitläuft.ige' as 'weitläuf.ige'.

[b] 'conflictierte' is written above a crossed out word.

[c] Reading 'Cart:' as 'Descartes'.

[d] Reading 'Mahomet' as 'Mohammed'.

ms 3


[a] Reading 'Mallebranche' as 'Malebranche'.

[b] Reading 'Krus.' as 'Crusius'.

[c] The following text ('Leidenschaften … bestritten'), found two lines below in the manuscript, is inserted here, as indicated by an insertion sign ('+').

ms 4


[a] An '˚Ein ¿¿¿ also' is deleted.

[b] An 'Unwpd' is crossed out.

[c] Reading 'Tubos' as 'Tubus' (i.e., as a telescope).

[d] A '˚wenn ˚den' is crossed out.

[e] The '1' appears to be written over an '˚.Exempel'; the latter is the better reading, except for the '2' that follows and that needs a '1'.

[f] The 'III' is partly written on top of the 'S'.